Geschichte der ersten Polarjahre

Mitglieder der Filchner-Expedition 1911/12
Mitglieder der Filchner-Expedition 1911/12

Warum vor 125 Jahren mehr als 700 Männer zu den Polarregionen aufbrachen

 

1882/83 fand nach siebenjähriger Vorbereitung das erste Internationale Polarjahr statt. Insgesamt beteiligten sich über 700 Forscher aus elf Nationen an vierzehn Expeditionen, wobei nur zwei davon zum Südpol führten. Damals zählten Polarreisen noch zu den wahrlich gefährlichen Unterfangen. So kehrten zum Beispiel von den 25 Teilnehmern der amerikanischen Expedition nach Fort Conger, in der Meerenge zwischen Grönland und Kanada, nur 6 lebend zurück.

Karte der 12 Arktisstationen während des 1. internationalen Polarjahres. Nummer 9 markiert das Ziel der amerikanischen Expedition nach Fort Conger. | Wetterstation an der Südspitze Spitzbergens während des 1. Polarjahres
Oben: Die 12 Arktisstationen während des 1. Internationalen Polarjahres. Nummer 9 markiert das Ziel der amerikanischen Expedition nach Fort Conger. Rechts: Wetterstation an der Südspitze Spitzbergens während des 1. Polarjahres

Von Visionären und Machern - Die Organisatoren des 1. Internationalen Polarjahres

Poträt von Carl Weyprecht (1838 - 1881)
Carl Weyprecht (1838 - 1881)

Das Internationale Polarjahr von 1882/83 war die erste große wissenschaftliche Kooperation einer Vielzahl von Nationalstaaten. Bis dahin hatten Polarexpeditionen vor allem die Beanspruchung neuer Gebiete oder die Entdeckung neuer Seewege zum Ziel. Damit dienten sie in erster Linie den wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen einzelner Nation. Der Marineoffizier Carl Weyprecht (1838 - 1881), der selbst zwei österreich-ungarische Polarexpeditionen geleitet hatte, brachte das Problem als einer der ersten zur Sprache. Sein Zweifel am Wert isolierter Einzelmessungen zum besseren wissenschaftlichen Verständnis von Meteorologie und Geophysik führte 1875, auf der 48. Versammlung deutscher, Naturforscher und Ärzte, zu seiner Forderung: "Forschungswarten statt Forschungsfahrten". Sein Ziel war ein zirkumpolares Netzwerk an Wetterstationen am Nordpol. Die vergleichende Auswertung der dort gleichzeitig und einheitlich durchgeführten Messungen sollten Wetterphänomene und Schwankungen des Erdmagnetfeldes begreifbar machen.

Georg v. Neumayer (1826 - 1909, Kreis) auf der 2. Internationalen Meteorologischen Konferenz von 1879 in Rom
Georg v. Neumayer (Kreis) auf der 2. Internationalen Meteorologischen Konferenz von 1879 in Rom

Ein großer Befürworter internationaler Zusammenarbeit in der Polarforschung war auch der Direktor der deutschen Seewarte Georg von Neumayer (1826 - 1909). Als Vorsitzender der Internationalen Polarkommission war er der große Organisator des Polarjahres. Auf seine Initiative hin wurde die Antarktis in die Forschungen mit einbezogen.

Letztlich brachten die Ergebnisse des ersten Polarjahres jedoch nicht den erhofften wissenschaftlichen Durchbruch. Auch Weyprechts Hauptanliegen einer zusammenfassenden Auswertung  aller Messdaten wurde damals nicht verwirklicht. Trotzdem war das Unternehmen ein großer Erfolg, denn es öffnete den Blick auf die Bedeutung der polaren Luftmassen für das weltweite Klimageschehen. Bis heute verdankt die Polarforschung ihren hohen Stellenwert ganz wesentlich dieser Erkenntnis. Wissenschaftlich gesehen, war das Polarjahr 1882/83 von enormer Bedeutung. Zum ersten Mal wurde gezeigt, dass vertrauensvolle Zusammenarbeit verschiedener nationaler Forschungseinrichtungen zum gegenseitigen Vorteil aller beteiligten Länder möglich ist. Damit wurde letztlich der Grundstein gelegt für den weltweiten Datenaustausch, ohne den beispielsweise die moderne Meteorologie undenkbar wäre.

Von Themen und Denkern - Die Theorien der Polarjahre

Alfred Wegener (1880 - 1930) ein Jahr vor seinem Tod während einer Expedition in Grönland
Alfred Wegener (1880 - 1930) ein Jahr vor seinem Tod während einer Expedition in Grönland

Die internationale Meteorologische Organisation war es dann auch, die an die Tradition der vernetzten Forschung anknüpfte. Für das zweite Internationale Polarjahr 1932/33 zur Erforschung der Strahlströme (Jet Streams, starke westliche Winde in ca. 11 km Höhe zwischen den Polen und den südlich und nördlich davon gelegenen gemäßigten Zonen,) errichteten 14 von 40 beteiligten Staaten permanente Forschungsstationen an den Polen. Ein Vierteljahrhundert später, beim Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58, lag der Schwerpunkt wieder auf der Erforschung der Erdatmosphäre. Ein wichtiges Ergebnis war die Entdeckung des Van Allen Strahlungsgürtels. Dieser Gürtel des erdmagnetischen Feldes schützt unseren Planeten vor schädlicher Sonnen- und Cosmischer Strahlung, wobei sie an die Pole umgelenkt wird und dort Polarlichter (Aurora borealis) erzeugt. Weitere Forschungsergebnisse waren die Bestätigung der Theorie der Kontinentaldrift (1912 von Alfred Wegener (1880 - 1930), Namenspate des AWI, aufgestellte Hypothese zur Bewegung der Kontinente) und eine erste Abschätzung der antarktischen Eismassen.

Die länderübergreifende Zusammenarbeit entwickelte dabei über die Polarforschung hinaus Vorbildcharakter für die Außen- und Friedenspolitik. Daraus resultierte der beachtliche politische Erfolg der Ratifizierung des Antarktisvertrages von 1961.

Polarlicht und Sternphotometerkuppel auf dem Dach des NDSC-Observatoriums der Koldewey-Station, Ny-Ålesund en: Aurora, Lidar and starphotometer on the roof of the NDSC-observatory, Koldewey-Station, Ny-Ålesund

Vom 1. März 2007 bis 1. März 2008 findet nun das nächste Internationale Polarjahr statt. Unabhängig von den anstehenden Jubiläen als Anlass, ist der Zeitpunkt reif für ein erneutes Kooperationsprogramm. Der fortschreitende Klimawandel erfordert eine Momentaufnahme des gegenwärtigen Zustandes der Polarregionen. Wie stark und in welchen Zeiträumen hat sich die polare Umwelt in der Vergangenheit verändert? Wie sehen die Stoffkreisläufe in den Polarmeeren aus und wie beeinflussen sie wiederum Klima und Umwelt weltweit? Das sind einige der zentralen Fragen des Forschungsprogramms. Auch wenn heutzutage die technischen Möglichkeiten der Anhäufung und Verarbeitung von Daten weit fortgeschritten sind, eines ist über die letzten 125 Jahre gleich geblieben: Keine Nation ist in der Lage, einen so großen Erkenntnisgewinn zu schaffen, wie eine gut abgestimmte multinationale Forschungsanstrengung. Das Abenteuer Polarforschung geht in die nächste Runde.

 

(Text: verändert nach Gerhard Niederfellner)