Mittwoch, 19. März 2008

Polarstern: Mein Kampf mit Dosi!

Autor: Charlotte Lohse

oder... Flasche aus Photometer entnehmen   -   Flasche in Photometer stellen

Diese Kommandos bekomme ich tagaus tagein vom Computer während der Sauerstoff-Titration. Falls das Gesamtsystem nicht wieder erkrankt ist. Mittlerweile fragen mich meine Kollegen schon ganz mitleidig, wie es dem Patienten Dosimat 665 denn heute geht. Mehr als ein „Den Umständen entsprechend“ wage ich meistens nicht zu antworten.

Wir haben in der Zwischenzeit schon eine Transplantation des Kreislaufsystems durchgeführt, welches immer wieder Blasen beinhaltete oder produzierte. Das ist für kein Kreislaufsystem gut, egal ob menschlich oder technisch. Mit wir ist gemeint, Pfleger Ismael und Schwester Charlotte mit Unterstützung von Oberpfleger Hein. Der zuständige Arzt ist vorsichtshalber in Bremerhaven geblieben, so dass wir diese Operationen auf eigene Faust durchgeführt haben. Weitere Überlegungen gingen auch schon dahin, das Gehirn zu tauschen. Dieses Gehirn stammt noch aus der Steinzeit, welches auch durch seine Kommunikationsform deutlich wird. Befehle wie DOA DOA (hat nichts mit Hawai zu tun) klingen sprachlich eher redundant. Für mich heißt das übersetzt „Es kann losgehen.“ Gehirntransplantationen sind beim Menschen nicht erfolgversprechend, so hat denn das Pflegepersonal beschlossen, den Patienten mit seinem alten Gehirn weiter laborieren zu lassen, in der Hoffnung auf viele weitere DOA DOAs.

 

Mit meiner Sauerstoff-Bestimmung bin ich ein kleines Rädchen im Getriebe der Wissenschaft. Diese Bestimmung ist mittlerweile der Technik überantwortet, die CTDs beinhalten Sensoren, die Sauerstoff  messen können, aber, wie so üblich, misstraut der Mensch seiner eigenen Technik und überprüft lieber manuell. Und genau das ist mein Job!

Ich gehöre damit zur Maulwurffraktion hier auf dem Schiff, da ich wie viele meiner Kollegen in einem Labor ohne Fenster sitze und nur ab und zu blinzelnd an die Oberfläche komme. Das darf ich allerdings nicht verpassen, da diese Oberfläche traumhaft schön sein kann.

 

Forschung bedeutet, wie so oft, Messreihen ohne Ende zu fahren. Ich bin nicht die einzige, die misst und misst und misst. All diese Daten werden gesammelt und auf dem Schiff nur ansatzweise verarbeitet. Die eigentliche Arbeit erfolgt zu Hause. Die Daten müssen kritisch überprüft und bereinigt werden. Alle unsinnigen Daten, die immer wieder auftreten, werden eliminiert, mit den Daten der CTD verglichen und angeglichen, so dass am Ende ein gesichertes Gesamtergebnis entsteht. Das kann als Schriftsatz oder als Schaubild erstellt werden, und diesem einzigen Schaubild sieht man nicht an, wie viel Arbeit dahinter steckt und wie viele Menschen Daten produziert, überprüft und eventuell auch wieder verworfen haben.

 

Die Sauerstoffverteilung ist im Meer nicht gleichmäßig. Sie hängt von Temperatur, Druck Salzgehalt, Wind und Strömung bzw. Verteilung der Wassermassen ab. Diese Verteilung ist dann auch wieder jahreszeitabhängig, siehe oben. Das sind die  abiotischen Faktoren. Die Biologie spielt hier aber auch noch mit. Im Oberflächenwasser ist naturgemäß der meiste Sauerstoff enthalten, da er zum einen von der Luft aufgenommen und gleichzeitig von Algen, die eher im lichtdurchfluteten Bereich leben, produziert wird. Abnahme des Sauerstoffs auf biologischer Ebene erfolgt durch alle atmenden Lebewesen. Daraus würde man zunächst schließen, dass die Sauerstoffmenge im Profil von oben nach unten gleichmäßig abnehmen  müsste. Das ist aber bei einem so großen Gewässer wie einem Meer nicht der Fall. Oberflächenwasser kann auch durch Dichteänderung, wie bei der Eisbildung, wieder relativ schnell in Bodennähe gelangen und so Sauerstoff mitführen. Je nach Standort der Beprobung bekommt man dann ein Sauerstoffprofil, welches nicht gleichmäßig abnimmt, sondern möglicherweise schwankt.

Wir werden bis Punta Arenas noch viele CTDs fahren, frei nach dem Motto: „Eine geht noch…“ Und zusammen mit Dosimat 665,der mir schon richtig ans Herz gewachsen ist, werde ich ebenso viele Proben verarbeiten. Immer in der Hoffnung und nach dem morgendlichen Bulletin, dass der Patient durchhält.

Dann kann er mir immer wieder bis in die Nacht und zum Einschlafen befehlen: „Flasche aus Photometer entnehmen.  Flasche in Photometer stellen. Flasche aus Photometer entnehmen. Flasche in Photometer stellen.  Flasche aus Photometer entnehmen.  Flasche in Photometer stellen.“   Chr… Chrrrrrr…………

 

Fotos: Charlotte Lohse

 

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