Thursday, 24. January 2008

Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Eine der schlimmsten Sturmnächte

Autor: Jürgen Graeser

Donnerstag ist Berichtstag… Und dies nun schon zum 22. Mal seit Beginn dieser Expedition. Wie viele es noch werden, steht immer noch ein wenig in den Sternen. Zur Zeit ist es ohnehin besser, sich auf den Moment zu konzentrieren, gibt es doch jeden Tag jede Menge zu tun und sei es eben, jeden Donnerstag einen Blog Beitrag zu verfassen. Das hat so ein wenig von ‚Brief in die Heimat’ schreiben nur eben, dass nicht nur eine Person oder eine Familie etwas davon hat sondern eben alle, die es interessiert. Und wie mir immer wieder versichert wird, gibt es wohl einige Interessenten.

 

Eine extrem stürmische Woche ist ins Land oder hier besser ins Eis gegangen. Seit der letzten Woche hat es fast ununterbrochen gestürmt. Gerade erst in diesen Stunden flaut der Wind etwas ab und die Wettervorhersage verspricht ein paar sehr ruhige Tage. Die letzte Nacht war wohl eine der schlimmsten Sturmnächte, die wir hier hatten. Bei Windgeschwindigkeiten um 80km/h betrug die Sichtweite zeitweise kaum noch 50m. Normalerweise finde ich die Gewalten eines Sturmes sehr faszinierend und ich setzte mich auch gerne mal dem ‚Luftzug’ aus, aber hier an diesem Ort habe ich doch bei jedem Sturm ein mulmiges Gefühl im Magen. Immer wieder die Frage, wird das Eis halten? Es wundert mich ohnehin, dass das Eis bei solchen Stürmen nicht öfter bricht. In den alten Expeditionsberichten, die ich gelesen habe, haben die Menschen ständig mit Rissen im Eis und Eispressungen zu kämpfen gehabt, kaum etwas davon hier. Allerdings bin ich sehr froh über diesen Glücksumstand. Auch immer wieder die Frage, wird das Material den Naturgewalten standhalten. Die Eiseskälte und der starke Wind sind eine geradezu mörderische Kombination. So ist es denn am Samstag geschehen. Nach einem kleinen Umtrunk am Freitagabend mit meinen Kollegen von der Technik-Abteilung, begebe ich mich kurz nach Mitternacht ins Bett. Kaum zwei Stunden später werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Vasja von der Aerologie weckt mich auf und vermeldet, es gibt Probleme mit dem Zelt. Da hilft alles nichts, schnell rein in die Klamotten und raus in Sturm und Schnee. Im Angesicht des Zeltes scheint mir der Begriff Problem ein wenig untertrieben. Das Zelt ist auf der dem Wind zugewandten Seite komplett eingestürzt, nur die Wand auf der Leeseite steht noch. Die Kollegen von der meteorologischen Station eilen nun auch zu Hilfe. Sie versuchen mit vereinten Kräften die immer niedriger werdende Decke zu stützen. Unbeeindruckt davon versucht Vasja den routinemäßigen Wetterballon zu starten und hat sogar Erfolg damit. Ich bekomme davon gar nicht so viel mit, versuche ich doch in aller Eile den Generator anzuwerfen. Bei Temperaturen von fast -35 Grad Celsius ist das ein nicht gerade einfaches Unterfangen. Aber der Generator ist in einem hervorragenden Zustand und springt nach kurzer Zeit an.  Tiefes Durchatmen… Ein paar Minuten muss ich noch warten, bis der Motor warm ist, dann kann ich den Kompressor anschließen. Und siehe, kaum eine Minute später steht das Zelt wieder voll aufgerichtet da. Ja, das ist der Vorteil, wenn man solch ein ‚Luftmatratzenzelt’ verwendet. Sofort ist die allgemeine Erleichterung in den Gesichtern der Kollegen zu sehen. Der große Zeppelin Ballon ist allerdings in Mitleidenschaft gezogen. Einige der Stützstangen sind unter der Last des Zeltes gebrochen und haben die Ballonhülle durchstochen. Ich kann den Schaden aber sofort mit einem speziellen Klebeband reparieren. Die Stützstangen werden später repariert bzw. ersetzt.

 

Die kleineren Übel eines solchen Sturms steckt man angesichts solcher bösen Überraschungen leicht weg. Derzeit rennen mal wieder alle Kollegen hier mit roten und sich pellenden Nasen herum. Auch ich bin davon nicht ausgenommen. Nach einem solchen Sturm ist alles anders. Ausgetretene Pfade zwischen den Hütten oder zur Messe sind durch fast unüberwindbare Schneewälle ersetzt. Alte Wege sind plötzlich wieder freigelegt. Nicht freigelegt sind natürlich meine Häuser und die Container. So beginnt dann auch gleich wieder die übliche Ausgrabungsarbeit.

 

Für heute steht mal wieder ein spezielles Event an. Sergeij unser Chefmechaniker hat Geburtstag. So wird das heutige Dinner, zu einem russischen Brastnik umfunktioniert. Ich habe gerade gesehen, wie der Koch an einer gewaltigen Torte gebaut hat. Jede Menge Lachsstücken waren auch schon auf der Arbeitsplatte in der Küche aufgeschichtet. Na, da läuft einem doch gleich das Wasser im Munde zusammen und lässt einen erwartungsvoll auf den Abend warten.


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