Polarstern: ,,Farbeindrücke, drei Sonnen und die letzte Verankerung ,eisgekühlt’ ’’
In der letzten Woche bewegte sich die Polarstern durch eine oft von der Sonne beschienene Eislandschaft am nördlichen Rand des Weddellmeeres. Durch den für diese Jahreszeit nicht zu erwartenden, hohen Grad der Eisbedeckung verlangsamte sich unsere Fahrt erheblich. Bei Besuchen auf der Brücke war es immer wieder spannend zu beobachten, wie die Wachoffiziere die ,Polarstern’ durch das Eis steuerten. In Gedanken habe ich dann natürlich mitgemacht und überlegt, welche Scholle die dünnste und am leichtesten zu brechende ist oder welcher der sich vor uns im Eis auftuenden Kanäle der für uns am günstigsten zu befahrende wäre. Einige Male ging es dann auch nicht weiter und es hieß volle Kraft zurück und Anlauf nehmen.
Trotz Temperaturen von deutlich unter zehn Grad Minus lohnte es sich, nach draußen zu gehen und die Umgebung des Schiffes auf sich einwirken zu lassen. In den letzten Tagen belebte sich die Eiswüste zunehmend, die Gruppen der Adelie- und Kaiserpinguine wurde immer größer und auch die Anzahl der Robben, die, auf ihren Schollen liegend, unsere Vorbeifahrt gelassen registrierten, nahm zu. Besonders lohnend war es aber, die Sonnenauf- und Untergänge mitzuverfolgen, da sich je nach Sonnenstand und Eisbeschaffenheit interessante Farbspiele am Himmel und auf dem Eis abzeichneten. Beeindruckend war es auch, bei der Vorbeifahrt an Eisbergen die verschiedenen Blautönungen der teilweise zerklüfteten Eisformationen wahrzunehmen. Die an der Wasserkante entstehenden Aushöhlungen ermöglichten fast schon einen Blick in eine andere Welt.
Unwirklich waren auch die Nebelschwaden, Seerauch genannt, die an eisfreien Stellen gebildet und dann vom Wind verweht wurden. Das mit etwa -1,8°C (!) relativ warme Wasser verdunstet leicht, doch kondensiert der entstehende Dampf in der erheblich kälteren, darüber liegenden Luftschicht sofort wieder und es bildet sich der Nebel.
Eine aufziehende Wetterfront bescherte uns Frühaufstehern bei Sonnenaufgang den Anblick dreier Sonnen. Bedingt durch die Wetterlage, bewegte sich in etwa 1000 km Entfernung in Richtung des Sonnenaufgangs warme und feuchte Luft auf einer kälteren Luftschicht bis in eine Höhe von etwa 10 km. Beim Aufstieg kondensierte sich die in der Luft enthaltene Feuchte und es bildeten sich Eiskristalle, die sogenannte Zirruswolken bilden. Bedingt durch den für atmosphärische Verhältnisse langsamen Aufstieg der warmen Luft können sich die Eiskristalle über größere Bereiche ausrichten und wirken wie ein riesiges, in der Luft schwebendes Prisma. In diesem Prisma wird das von der Sonne kommende Licht gebrochen, wobei es abgelenkt wird und bei besonderen Winkelbedingungen zwischen Sonne, Wolken und Beobachter die Spektralfarben erscheinen. Eigentlich bildet sich ein sogenannter Halo, ein ganzer Ring um die Sonne herum, der aber in unserem Fall, durch den schon hellen Himmel, nicht zu erkennen war. Nur am Horizont, auf gleicher Höhe zur Sonne, bildeten sich rechts und links streifenförmige Strukturen, die man Nebensonnen nennt. Wir konnten also drei Sonnen gleichzeitig beobachten.
Gestern haben wir Verankerungsleute unsere Arbeiten abgeschlossen. Die letzte Verankerungsaufnahme war aber nicht nur aus diesem Grund etwas besonderes, denn es galt, die unter einer Eisschicht befindliche Verankerung zu bergen. Dank der Hilfe unserer Positionierungs- und Ortungssysteme gelang es schnell die ,Polarstern’ in Position zu bringen, wobei sie zunächst einmal ihre Eisbrecherqualitäten unter Beweis stellen musste, denn in dem in Frage kommenden Gebiet musste das Eis gebrochen werden, so dass die Auftriebskörper zwischen den Schollen auftauchen konnten. Wir brauchten dann auch nicht lange nach der Auslösung zu warten, bis sich der oberste Auftriebskörper zeigte. Zwei Decksleute ließen sich dann mir dem ,Mammy Chair’ in Position bringen und nahmen die Verankerung ,,an die Leine’’. Vorsichtig wurden dann die einzelnen Teile an Bord gehievt, wobei vermieden wurde, dass die Geräte gegen die Eisschollen stießen. Dass dies nicht passierte, dafür sorgte auch der wie immer auf dem Arbeitsdeck anwesende ,Chief Mate’, also der erste Offizier, der über Funk der Brücke Anweisungen gab, wenn das Schiff neu zu positionieren war.
Heute Nacht sind wir aus dem Eis herausgefahren und werden gegen Mittag in die Nähe der Station Jubany auf King-George-Island, einer der Antarktischen Halbinsel vor gelagerten Insel, gelangen. Dort wird nicht, wie eigentlich geplant, Personal ausgetauscht, es kommt lediglich eine Gruppe von französischen Wissenschaftlern dazu. Unsere Gruppe Auszuschiffender muss an Bord bleiben, da ihr Flug nach Punta Arenas kurzfristig gestrichen wurde. Jetzt gilt es, enger zusammen zu rücken und unseren letzten Fahrtabschnitt, die Überquerung der Drake-Passage, anzugehen.
Fotos: Sefan Theisen
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