Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Eineinhalb Tonnen Fracht
Eine weitere Woche ist nun schon wieder ins Land, oder besser, ins Eis gegangen. Ich kann nicht gerade behaupten, dass ich unter Langeweile gelitten hätte. Man könnte die Woche eher durchaus als kurzweilig bezeichnen, wenn auch reichlich dramatisch. Gab es in den vergangenen Wochen doch recht wenig Aufregendes über meine Arbeiten zu berichten. Aber offenbar sind die Wege zur und von der Arbeit der Punkt. Da gestaltete sich ja der Weg zur Arbeit schon reichlich langwierig und spannend. Und bei meiner Abreise scheint das nicht deutlich anders zu werden. Doch der Reihe nach!
Das Wochenende beginnt erst mal für mich mit dem - hoffentlich - letzten Stationsdienst. Nach all der langen Zeit hier ist es mir nun doch noch gelungen den Koch aus seiner Küche zu vertreiben und selbst zu kochen. Nun, richtig vertrieben hatte ich ihn natürlich nicht. Er lässt mich einfach gewähren, und er hilft mir soweit es nötig ist. Ich tue das, was ich schon lange mal tun wollte, ich koche für die Mannschaft. Obwohl die Möglichkeiten ja sehr beschränkt sind, gelingt es mir dennoch den Jungs ein gutes Essen aufzutischen. Mit dem Ergebnis, dass man mich am liebsten sofort als Koch einstellen möchte. Das ehrt und freut mich natürlich, dennoch ist es nicht unbedingt der Job, den ich gerne jeden Tag machen möchte.
Am Sonntag steht wieder eine weitere Inspektion des Flugfeldes an. Sergej Mechanik holt mich beizeiten ab. Uns erwartet leider eine böse Überraschung. Es gibt einen neuen Riss in der Landebahn. Und zwar am südlichen Ende wird die Landebahn um weitere 200 m verkürzt. Ich bin erstmal einigermaßen bestürzt. Denn auf 700 m Rollbahn kann das AWI-Flugzeug bestimmt nicht landen. Sofort werden die Zentrale in Potsdam, der Chef und die Piloten Crew informiert. Auf dem Rückweg vom Rollfeld, eine weitere Überraschung. Was ich bisher noch gar nicht bemerkt hatte, es gibt einen weiteren Spalt inmitten der Station. Ein Haus ist inzwischen sogar umgezogen, denn der Spalt hatte sich direkt unter dem Haus des Hydrochemikers Nedaschkowski, welches sich am östlichen Rand der Station befand, aufgetan. Der Riss verlief genau diagonal unter dem Haus, war aber Gott sei Dank nur ein paar Zentimeter breit, so das das Haus ohne Probleme in den frühen Morgenstunden mit dem Trecker aus dem kleinen entstandenen See gezogen werden konnte.
Am Nachmittag gibt es ein Telefonat mit meinem Chef, der mich darüber in Kenntnis setzt, dass ein Flugzeug herkommen und mich und meine Fracht aufpicken soll. Hier ist darüber nichts bekannt. Rücksprache mit der Stationsleitung, die sich auch erst mal mit St. Petersburg in Verbindung setzen muss. Am Nachmittag ist klar, am Montag soll ein Flieger gehen, und ich mit. Cool! Eineinhalb Tonnen Fracht sind bis zum nächsten Morgen zu packen. Da steht mir eine lange Nacht bevor. Die Kollegen von der Meteorologie und Aerologie helfen mir beim Abbau der Anlagen und beim Packen diverser Kisten. Irgendwann spät am Abend dann die Info, der Flug wird nicht stattfinden. Na, da kann ich ja wenigstens noch zu mitternächtlicher Stunde in die Banja gehen. Am Montag dann laufen Telefone und e-mail heiß. Die Situation wird von allen Seiten ventiliert. Da der Spalt auf der Piste nur wenige Zentimeter breit ist, sehen die Piloten eine gute Chance doch noch landen zu können. Es wird Rat von allen Seiten eingeholt. Dann steht fest, eine Landung wird möglich sein, wenn die Situation an der Piste sich nicht weiter verschlechtert. Der Dienstag sieht mich dann schon wieder auf dem Flugfeld, für eine genauere Bestandsaufnahme. Ein detaillierter Lageplan muss angefertigt werden. Letztendlich wird an dem Plan festgehalten, dass die Polar-5 (das ist das Flugzeug des Alfred-Wegener-Instituts) in der kommenden Woche den Versuch unternehmen wird hier zu landen. Dazu wird sogar noch ein Pilot angeheuert, der absoluter Spezialist für Landungen auf zerbröselten Pisten ist. Da kommt doch wieder Hoffnung auf. Es wird sehr viel Zeit von allen Beteiligten dafür aufgebracht, die Planung zu präzisieren und Details zu klären. Ein weiteres Mal begebe ich mich hinaus zum Rollfeld. Jetzt geht es ans Eis… Es sind Eisdickenmessungen an relevanten Punkten und entlang der Rollbahn erforderlich. Selbstpersönlich bohre ich die Sondierungslöcher mit einem Handbohrer ins mehr als einen Meter dicke Eis. Die Eisdickenmessungen geben den letzten Ausschlag. Am Montag den 7. April wird sich das Flugzeug aus Canada in Richtung Spitzbergen in Marsch setzten, um dann am 10. April den ersten Versuch einer Landung hier zu unternehmen. Somit könnte dieser Blogbeitrag der letzte von der, inzwischen sehr weit nach Westen vorgedrungenen Driftstation NP-35 sein. In der nächsten Woche werden Sie es wissen…
Position: 84,61° N, 42,22° O
Foto: Jürgen Graeser
< zurück zur Übersicht