Polarstern: Eine lange Zielgerade
...oder bis Punta Arenas werde ich Hieven und Fieren nicht mehr verwechseln
Es ist nun schon fast eine Woche her, dass wir von der Station Jubany auf King-George-Island aus unseren letzten Fahrtabschnitt begonnen haben. Leider ließen es die Wetterverhältnisse nicht zu, dass wir an Land gehen konnten und uns auf festem Boden die Beine vertreten und die Station und deren Umfeld in Augenschein nehmen konnten. Das wichtigste aber, das Zusteigen der französisch/koreanischen Gruppe, hat geklappt. Deren Arbeitsschwerpunkte werden Verankerungsarbeiten sein, sie wollen zehn Verankerungen aufnehmen und drei auslegen; ein strammes Programm für die verbleibenden knapp zwei Wochen.
Bis jetzt hatten wir mit dem Wetter Glück. Zwar mussten wir uns alle nach der langen Eisfahrt durch das Weddellmeer wieder an den Seegang gewöhnen, aber die Arbeiten konnten für hiesige Verhältnisse zügig durchgeführt werden. Diese können, wie schon die ersten Seefahrer feststellten, die diese Regionen und besonders die Route um Kap Horn befuhren, sehr stürmisch sein. Die etwa 1000 km breite Drake-Passage wird von den Passagierschiffen, deren Ziel die Antarktische Halbinsel ist, in zwei Tagen zügig durchfahren. Wir stoppen etwa alle 20 sm, um unsere Messsonden und die Verankerungen einzusetzen, wobei es zumeist auf Tiefen um die 3500 m hinuntergeht.
Die Drake-Passage hatte bis zum Bau des Panama-Kanals für die Handelsschifffahrt eine große Bedeutung. Der erste, der die Strecke um das auf seiner Expedition benannte Kap Hoorn befuhr, war nicht, wie der Name vermuten lässt, der englische Weltumsegler Sir Francis Drake, sondern der Flame Willem Schouten, der 1616 diesen neuen Seeweg in den Pazifik erschloss. Dieser ist zwar länger, aber unter günstigen Bedingungen einfacher zu befahren, als der damals schon bekannte und auch von Drake befahrene Weg durch die Magellanstraße in den Pazifik.
Während die neu an Bord Gekommenen voller Elan auf ihr Arbeitsprogramm zugehen, sind bei einigen von uns anderen, die wir nun schon seit 8 Wochen unterwegs sind, Ermüdungserscheinungen festzustellen. Das merkt man nicht zuletzt am Inhalt unserer Gespräche, in denen wir uns zunehmend darüber austauschen, was uns zu Hause erwartet oder was ,.danach’’ kommt. Für mich bedeutet die Mitarbeit in der CTD-Wache, die für die Durchführung der Arbeiten mit unseren beiden Wasserschöpfern verantwortlich ist, einen willkommenen Wechsel. Die Tätigkeiten sind neue, und auch die Zusammenarbeit und der Austausch mit Kollegen, mit denen ich in den vergangenen beiden Monaten nicht viel zu tun hatte, lassen die Zeit schnell vergehen. Ich habe die 0 bis 4 Wache, d.h. wir arbeiten zu zweit von 12-16 Uhr mittags und 12-4 Uhr morgens. Zusammen mit dem Windenfahrer und einem Mann auf dem Deck sorgen wir dafür, dass die Labors ständig mit Meerwasserproben versorgt werden. Wir müssen die Wasserschöpfer für ihre ,,Tauchgänge’’ vorbereiten, die an ihnen befestigten Messgeräte anschließen und deren an die Oberfläche übermittelten Daten überprüfen. Auch gilt es, nach Vorgabe des jeweils für einen Einsatz der Schöpfers verantwortlichen ,,cast leaders’’, die Flaschen in verschiedenen Tiefen schließen. Die Datenaufnahme wird über einen Computer abgewickelt, der mit im Leitstand sitzende Windenfahrer steuert die Seilwinde dann entsprechend von Hand. Dabei bietet sich mir die Gelegenheit, meinen Sprachumfang zu erweitern. Die Wörter Hieven und Fieren benutze ich ja sonst nicht, entsprechend habe ich sie dann zu Beginn auch einige Male verwechselt. Als ich eine 10 m über Grund hängende Sonde 100 m fieren lassen wollte, fragte der Windenfahrer nur trocken zurück ,,In den Boden?’’ und da war dann auch mir klar, was in welche Richtung geht...
Unsere Reise neigt sich so langsam dem Ende zu. Für uns Lehrer, die im Gegensatz zu vielen der hier an Bord Mitfahrenden wohl nicht mehr die Gelegenheit haben werden, diesen Teil der Welt zu erkunden, beginnt das Abschiednehmen. Dazu gehört versonnenes Stehen an der Reling, zwar nicht mehr, wie bei unserer Fahrt durch die Eislandschaft des Weddellmeeres, mit Blick auf Pinguine und Robben, doch mit Blick in die Weite und vor allem auf Albatrosse, die in großen Kreisen ,,Polarstern’’ umrunden und ohne Flügelschlag, scheinbar mühelos über die Wellen gleiten.
Fotos: Sefan Theisen
< zurück zur Übersicht