Polarstern: Eisfahrt
Seit einigen Tagen muss ,,Polarstern’’ die vollen 20000 Pferdestärken ihrer Hauptmaschinen einsetzen, um uns einen Weg durch das Eis des Weddellmeeres zu brechen. Das Eis ist zwar, der spätsommerlichen Jahreszeit entsprechend, noch nicht dicker als 1m, doch wenn der Wind größere Eisschollen gegeneinander treibt, baut sich in der Eisdecke Druck auf, der bewirkt, dass die ,,Polarstern’’ im Eis eingeklemmt wird. Dadurch verliert sie an Geschwindigkeit und bleibt schließlich stehen. Nun heißt es auf der Brücke ,,Volle Kraft zurück’’, es wird Anlauf genommen, und dann geht es wieder mit ,,Voller Kraft’’ voraus, um durchzubrechen. Entsprechend ist die Brücke zur Zeit ein vielbesuchter Ort, nicht nur, um diese Manöver mitzuverfolgen, sondern vor allem auch, um einen Blick auf die uns umgebende Eislandschaft zu werfen. Besonders, wenn die Sonne durchkommt, bietet sich ein beeindruckender Blick über die ,Eiswüste’ hinweg.
Die Lufttemperatur beträgt etwa Minus 10 Grad Celsius, doch der recht starke Wind lässt die gefühlten Temperaturen auf bis zu -30 Grad Celsius hinuntergehen. Da ist es schon angenehmer, von der Brücke aus die manchmal wunderlich geformte Eislandschaft an sich vorüberziehen zu lassen und immer wieder darüber ins Staunen zu geraten, dass diese bewohnt ist. An eisfreien Stellen konnten wir oft Minkwale beobachten, die aber nicht so neugierig wie ihre größeren Verwandten, die Buckelwale, sind und auf Distanz blieben. Geschäftig ging es zu, wenn die ,,Polarstern’’ im Eis auf Station war, dann gab es die verschiedenen Fortbewegungsarten der Pinguine zu beobachten. Wenn das Eis geneigt war, wurde sich auf den Bauch gelegt und die Gesetzmäßigkeiten der Schiefen Ebene kamen zum Zuge. Ging es über eine zerklüftete Scholle, dann wurde mit weit gespreizten Flügeln balanciert und gewatschelt. Wenn die Pinguine ihre Neugier befriedigt hatten, verschwanden sie wieder, meist ins Wasser, wo sie wieder auf Nahrungssuche gingen. Die Robben schienen die Vorbeifahrt gelassen zu nehmen, sie schauten in Ruhe zu. Nur Robben, die in unserer Fahrtrinne, direkt vor der Polarstern auftauchten, sprangen auf die Eiskante und bewegten sich recht flott vom Schiff weg.
Es gibt also zur Zeit viel zu beobachten, und wenn die Arbeit es zulässt, sind wir alle auf Beobachtungsposten. Oft sind es Kleinigkeiten, welche uns auffallen und über die nachgedacht werden kann. So machte mich unser Fahrtleiter auf streifenförmige, in Windrichtung verlaufende Strukturen im offenen Wasser aufmerksam, die durch auf der Wasseroberfläche schwimmende Eisstückchen sichtbar wurden. Durch den Wind bildet sich eine Art Wirbelströmung, wodurch das Wasser an der Oberfläche walzenförmig, quer zum Wind, bewegt wird. An Stellen, auf die sich Wasser von zwei Seiten zu bewegt, muss das Wasser absinken. Dort sammeln sich dann die Eiskörner und markieren so die Absinkzone.
Wir werden wohl alle diese weiß glänzende Welt vermissen, wenn wir morgen aus dem Eis herausfahren, doch müssen wir jetzt vor allem an all die Arbeiten denken, die noch auf unserem Weg zu unserem nächsten Fahrtziel, der Antarktischen Halbinsel, angegangen werden müssen.
Fotos: Stefan Theisen
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