Donnerstag, 06. März 2008

Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Stimmzettel per E-Mail nach Russland

Autor: Jürgen Graeser

An diesem stürmischen Tag heute sitze ich bei einer Tasse Tee (ostfriesische Mischung) in meinem kleinen Laboratorium/Büro und schreibe den wöchentlichen Beitrag für diesen Blog. Jetzt, wo auch wieder die Tage länger werden, scheint die Zeit noch rascher zu vergehen. Kaum zu glauben, dass ich nun schon mehr als ein halbes Jahr unterwegs bin.

 

Mit dem heutigen Tag geht eine Woche schönsten Wetters vorüber. Es war bemerkenswert zu beobachten, wie jeder Tag länger und heller wurde. Und selbst um Mitternacht leuchtete der Himmel am Horizont in rot-blauen Farbtönen. Gestern hätten wir theoretisch erstmalig einen kleinen Zipfel der Sonne erspähen können. Hätten nicht ein paar Eiswolkenschleier und Dunst den Horizont verdeckt. Der „Sonnenaufgang“ dauert hier sage und schreibe 5 Tage, d.h. von dem Tag an dem die Sonne erstmalig ihren oberen Rand über den Horizont schiebt, bis hin zu dem Tag, wo dann auch der untere Rand über dem Horizont zu sehen ist. Der längste Sonnenaufgang, den ich je erlebt habe...

 

Die Woche hatten wir auch wieder mal reichlich Besuch. Vorgestern beehrten uns gleich drei der weißbepelzten Gesellen. Sie kamen gewissermaßen im Rudel. Jedoch blieben sie in einigem Abstand zur Station. Allerdings war ich gerade erst eine Stunde zuvor in dieser Gegend, um ein paar Photos zu machen. Nun ja, ich gehe natürlich niemals gänzlich unbewaffnet aus dem Haus. Aber künftig wird wohl zusätzlich auch immer noch das Gewehr über meiner Schulter hängen. Gestern Mittag streselte dann noch deren Kollege hier vorbei. Das Licht war ein wenig besser, so dass auch die Photos ein wenig besser wurden.

 

Ich nehme an, in Deutschland wurde mehr als hier Notiz davon genommen, dass in Russland Wahlen waren. Hier an der Station wurde schon zwei Wochen zuvor gewählt, und die Stimmzettel per E-Mail nach Russland gesandt. Ich habe vernommen, dass es wohl einige heiße Diskussionen in Deutschland über die Regierung in Russland gab. Ich habe hier viele Diskussionen gerade über dieses Thema mit meinen russischen Kollegen geführt. Für mich kann ich daraus eigentlich nur Schlussfolgern, dass eben auch in deutschen Gefilden die Wahl so akzeptiert werden sollte, wie sie ausgegangen ist. Auch, oder gerade wenn es die wenigsten verstehen… Aber dies ist genau die Regierung, die die Leute wollen. Ich persönlich finde es ja auch nicht so toll, wenn die russische Regierung Stärke und Nationalbewusstsein in unangemessener Weise demonstriert. Kann ich aber nur sagen „Willkommen im Club“, denn damit befinden sie sich durchaus in bester Gesellschaft mit einigen anderen Regierungen. Was die Russen halt sehen, ist dass es in den letzten Jahren mit Wirtschaft und Wohlstand aufwärts gegangen ist in Russland. Das heißt, dass nach langer Zeit die Bevölkerung ein wenig mehr vom nationalen Reichtum hat. So finden die Leute inzwischen auch wieder Arbeit und verdienen Geld. Und wenn man einmal kurz zurückblickt, kann man zum Beispiel auch sehen, dass es russische Driftstationen erst wieder seit der Putin-Regierung gibt. Und so wird mir dann auch klar, dass es diese Station ohne die gewachsene Stärke und den Wohlstand in Russland nicht geben würde. Auch wenn es selbst für mich nicht immer ganz verständlich ist, trotz all der Probleme, deren sie sich durchaus bewusst sind, möchte keiner der Kollegen hier eine andere Regierung oder würde gar in einem anderen Land leben oder arbeiten wollen. Okay, dies war ein kleiner Blick auf die große Politik, aus einer etwas anderen Perspektive von einem sehr kalten und tristen Ort.

 

Und so wie es aussieht, ist mein Verweilen an dieser Station ohnehin nicht mehr übermäßig lange. In der nächsten Woche wird es Gespräche geben, die meine Abreise von hier klären sollen. Und es gibt wohl auch schon recht konkrete Ideen für meine Rückreise. Aber darüber wird dann in einem der nächsten Blogs zu berichten sein.

 

Fotos: Jürgen Graeser




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