Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Miss Piggy noch in der Luft
Da ist doch glatt schon wieder eine Woche, einfach so, vorüber gegangen. Es wird immer schwieriger diesen Beitrag rechtzeitig fertig zu stellen. Obwohl es eigentlich paradox erscheinen mag. Es geschieht wenig, dennoch ist kaum Zeit. Nunja, das ist so eine Sache, auch wenn nix spektakuläres geschieht, heißt das ja nicht, dass man nicht seiner Arbeit nachgehen sollte. Und hier ist es halt so, je schöner das Wetter, desto mehr Arbeit steht an. Auch während ich hier diesen Beitrag mitten in der Nacht verfasse, ist unsere Miss Piggy noch in der Luft und es werde permanent Daten empfangen und gespeichert. Dies geschieht natürlich automatisch. Nur muss ich trotzdem immer ein wachsames Auge haben, falls mal ein Sensor (was sehr häufig passiert) nicht so richtig will, oder plötzlich starker Wind aufkommt. So waren wir am Beginn dieser Woche auch mal nicht ganz so erfolgreich mit einem Experiment. Die Wetterlage war interessant und mein russischer Kollege und ich versuchten den Ballon bis zu 900m auf zu lassen. Leider hat uns aber genau da plötzlich aufkommender Wind einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und dabei war das Gespann sogar schon bis zur Hälfte aufgelassen. Aber der kräftige Wind zwang uns den Ballon wieder eilends einzuholen. Was uns dann nur mit sehr viel Mühe gelang. Mehrere Stunden Arbeit einfach für nichts. Auch so etwas kann hier mal passieren. Das ist eben die Natur, und kein Labor! Und wie man leicht sehen kann, beim nächsten Anlauf klappt's dann ja auch wieder.
Gestern lag wieder einmal der von mir so geliebte Stationsdienst an. Nun ist das ja eigentlich auch nichts Erwähnenswertes. Haben doch alle Kollegen hier diesen Dienst zu tun. Gestern ist mir allerdings mal wieder aufgefallen, wie es endet, wenn Bürokraten meinen für die Stationsversorgung zuständig sein zu müssen, und nicht der Koch. Für die Beschaffung von Lebensmitteln ist nicht etwa der Koch zuständig, wie es sich gehören würde, sondern irgendein Bürokrat in der Verwaltung. So ist es denn geschehen, dass alle Frischlebensmittel wie z.B. Eier oder Gemüse bereits im Mai in St. Petersburg von der Akademik Federow gebunkert und einmal um die halbe Welt gegurkt wurden, bis sie dann im September auf der Station ankommen. So sind Kartoffeln, Möhren, Kohl und so weiter alles noch Ernte 2006! Was dazu führt, dass wir im Moment eigentlich nur noch Kompost als Kartoffeln schälen. Eine ziemlich eklige Angelegenheit. Ein 20kg Sack Kartoffeln wirft so ca. zwischen 1 und 5 kg geschälte Kartoffeln ab. Weitere Einzelheiten erspare ich mir und dem Leser. Bald wird es wohl nur noch Nudeln, Buchweizen und Kartoffelpüree aus der Tüte geben.
Am Ende meines Dienstes in der Kajut Kompanja schlendere ich nach Hause und freue mich schon mal auf die Banja. Traue dann aber plötzlich meinen Augen nicht. Am Horizont sehe ich zwei helle Lichter. Ich bin ein wenig verblüfft, wo kommen die denn her und was ist das??!! Sind die Mechaniker eventuell noch mit dem Skooter unterwegs? Nichts dergleichen! So langsam erheben sich die Lichter über den Horizont, und beginnen zu allem Überfluss auch noch zu blinken. Naja, ein UFO war’s natürlich nicht! Ein U-Boot, wie man vielleicht leicht denken könnte, war es dann auch nicht. Ein Flugzeug war’s, das da, zunächst fast lautlos, auf unsere Station zugeflogen kam. Da ich mitten im Licht eines Flutlichtstrahlers stehe winke ich probehalber mal. Die Scheinwerfer blinken und die Tragflächen wackeln. Ein untrügliches Zeichen, dass sie mich gesehen haben. Und mit lautem Dröhnen fegt der Flieger dann im Tiefflug über mich hinweg. Es war sehr wohl bekannt, dass ein Flieger die Station ‚heimsuchen’ soll. Avisiert ist der allerdings für den nächsten Morgen. Ich möchte es mal so formulieren, russische Flexibilität. Der Flieger dreht eine große Kurve und kommt nach einigen Minuten zurück. Wieder fliegt er direkt über die Station hinweg. Ich sehe, dass etwas über Bord und zu Boden geht. Und mache mich auf die Suche… Aber die Mechaniker mit einem Skooter sind da klar im Vorteil. Sie finden das abgeworfene Paket sehr schnell. An einem Fallschirm befestigt, ist es zu Boden gegangen. Inzwischen hat sich fast die gesamte Station eingefunden. Es geht, auf Vorschlag des Stationsleiters, in die Kajut Kompanja. Dort wird der Fallschirm abgeknotet und das Paket geöffnet. Eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit kommt zum Vorschein. Diese wird zunächst vom Stationsleiter in Sicherheit gebracht. Ich denke das war Sprit, und wir werden den zur nächsten Festlichkeit, dann allerdings verdünnt, vorgesetzt bekommen. Weiterhin kommt zutage ein Stapel Zeitungen von gestern, und jede Menge Briefe. Letztere werden sofort verteilt. Sogar ich bekomme welche ab. Sehr enttäuschend, nur Sammlerpost. War allerdings auch nicht anders zu erwarten… Die Zeitungen insofern interessant, dass es einen einseitigen Artikel in der Moskovskaja Pravda über die NP-35 Expedition gibt. Sogar ich werde namentlich erwähnt. Allerdings sehr viel dringender erwartete Ersatzteile für unsere Traktoren und meteorologische Station blieben aus. Somit ist diese Aktion auch ganz richtig, als eher medienwirksam einzustufen. Nicht sehr praktisch, wenn man wirklich ein paar Probleme hat…. Dennoch genieße ich anschließend die Banja und gebe mich der, für diese Verhältnisse, ausgiebigen Körperreinigung und Entspannung in der Sauna hin.
Fotos: Jürgen Graeser
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