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Interview mit Prof. Dr. Heinrich Miller

Der stellvertretende Direktor des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung steht Rede und Antwort zum Klimawandel und seinen Folgen.
Das Interview führte Dr. Susanne Diederich.
Das komplette Interview in hoher Qualität (mp3 - 8.3MB).

Frage 1:
Warum sind die Polargebiete für unser Klima so wichtig?

Miller Antwort hören (0:46):
Die Polargebiete sind für unser Klima ganz besonders wichtig, weil dort sehr viel Eis am Boden bzw. auf der Oberfläche des Meeres vorhanden ist, und dieses Eis beeinflusst den Strahlungshaushalt der Erde, d. h. die Menge an Energie die in unser Atmosphären-Ozean-System wirklich eingetragen wird. Wenn sich diese Flächen verändern sollten, dann hat das natürlich einen ganz entscheidenden Einfluss auf das globale Klima. Außerdem: In den Polarregionen wird der Ozean bestimmt. 90% des Volumens der Weltozeane steht mit den Polarregionen in Verbindung und daraus kann man ganz einfach ableiten, dass die Polargebiete eine ganz besondere Bedeutung für das globale Klima haben.

Frage 2:
Klimaaufzeichnungen belegen, dass die Temperatur der Arktis in den letzten 40 Jahren um etwa 1 Grad Celsius gestiegen ist. Wird die Arktis in Zukunft im Sommer eisfrei sein? Wann könnte dies eintreten?

Miller Antwort hören (0:25):
Wann und ob die Arktis eisfrei sein wird, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Gegenwärtig gibt es Modellberechnungen, die auf unserem gegenwärtigen Kenntnisstand beruhen und die vorhersagen, dass möglicherweise in etwa 70 Jahren im Sommer der Arktische Ozean vom Meereis nicht mehr bedeckt wird oder die Fläche des Meereises sehr viel kleiner sein wird als heute.

Frage 3:
Welche Folgen hat eine zumindest im Sommer eisfreie Arktis für uns?

Miller Antwort hören (0:20):
Eine im Sommer eisfreie Arktis hätte wahrscheinlich noch keine so großen Folgen für uns, weil der Arktische Ozean die meiste Zeit des Jahres immer noch von Eis bedeckt  sein wird. Es könnte wirtschaftliche Folgen haben, weil die Schifffahrt neue Routen gefahrloser befahren könnte als heute.

Frage 4:
Was passiert wenn der Permafrost, also die Dauerfrostgebiete in Sibirien, Grönland und Kanada, auftauen?

Miller Antwort hören (1:27):
Ja, die großen Permafrostgebiete Sibiriens und auch der Kanadischen Arktis oder in Alaska stellen ein besonderes Problem dar, dem man sich erst in den letzten 5 Jahren verstärkt gewidmet hat,  weil man ihre  Bedeutung mittlerweile erkannt hat. Dort ist es so, dass der Boden bis zum Teil in über Tausend Meter Tiefe dauerhaft gefroren ist. In diesem Bodeneis befinden sich größere Mengen an Methan. Methan ist ein Treibhausgas. Wenn dieser gefrorene Boden nun in starkem Maß auftaut, dann kann es sein, dass mehr Methan freigesetzt und dadurch ein zusätzlicher Schub für eine mögliche Klimaerwärmung entsteht. Allerdings weisen unsere Informationen aus der Klimageschichte nicht darauf hin, dass eine Freisetzungsgefahr großer Methanmengen aus dem Permafrost gegeben ist. Vergangene Warmzeiten waren wärmer als die gegenwärtige Wärmeperiode. Und bisher haben wir keinen Beleg dafür, dass damals große Mengen an Methan freigesetzt worden sind.

Frage 5:
Welchen Einfluss haben die Polargebiete auf den Meeresspiegelanstieg?

Miller Antwort hören (1:52):
Wenn Festlandeis schmilzt, dann trägt es zum Anstieg des Meeresspiegels bei.  Wir beobachten ja gegenwärtig einen Anstieg des Meeresspiegels und ein Teil dieses Anstiegs wird z. B. durch das verstärkte Abschmelzen der Gebirgsgletscher verursacht, u.a. also der Alpengletscher, die ja sehr an Masse verlieren. Das  Schmelzwasser geht  alles in den Ozean und trägt  zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Die großen Eismassen liegen aber in Grönland und in der Antarktis. Würde Grönland komplett verschwinden, dann stiege der Meeresspiegel weltweit um etwa 6 Meter. Und wenn die Antarktis komplett verschwindet, dann würde der Meeresspiegel weltweit um 70 Meter steigen. Nun ist es aber so, dass bei einer künftigen Erwärmung - jedenfalls in einem von uns modellierbaren Zeitraum der nächsten 100 Jahre - Grönland zwar sehr wahrscheinlich an Masse verlieren wird. Aber dieser Massenverlust durch verstärktes Abschmelzen in Grönland wird kompensiert durch eine Eiszunahme in der Antarktis. Das klingt zunächst zwar paradox. Aber die Antarktis ist sehr kalt, und selbst bei einer Erwärmung in der Antarktis wird sie immer noch sehr kalt bleiben, so dass das Eis dort nicht in größerem Ausmaß schmelzen wird. Andererseits wird wärmere Luft in die südliche Polarregion gelangen, und die kann mehr Feuchtigkeit transportieren. Es wird folglich mehr Niederschlag geben, der dort als Schnee fällt und in der Region verbleibt. Also nach en den von uns berechneten Szenarien kommen wir zu dem Schluss, dass Veränderungen der großen Eismassen keinen Beitrag zu einem Meeresspiegelanstieg leisten werden. Der größte Anteil des Meeresspiegelanstiegs ist nach wie vor bedingt durch die Erwärmung der Ozeane, weil  wärmeres Wassersich stärker ausdehnt.

Frage 6:
Der internationale Klimabericht 2007 (IPCC – Intergovernmental Panel on Climate Change) wird am 2. Februar verkündet. Er bewertet den weltweiten Klimawandel auch in Hinblick auf seine gesellschaftlichen Folgen. Kann die Wissenschaft Richtlinien für Entscheidungsträger und für die Gesellschaft vorgeben?

Miller Antwort hören (0:48):
In diesem IPCC - Prozess tun sich Wissenschaftler zusammen und schreiben auf, was sie nach bestem Wissen und Gewissen heute für die richtige Erkenntnis halten. Ob daraus Handlungsszenarien oder Handlungen folgen, hängt sehr von der Politik ab. Entscheidend wird sein, wie Wirtschaft und Politik mit den prognoszitierten oder vorhergesagten Szenarien umgehen, die IPCC aufstellt. Die Wissenschaft kann per se oder für sich genommen natürlich  keine Handlungsstrategien vorgeben. Handlungsstrategien aus den Erkenntnissen der Wissenschaft abzuleiten, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Frage 7:
Herr Miller, was erhoffen Sie sich persönlich vom Klimabericht?

Miller Antwort hören (0:37):
Also, ich erhoffe mir eigentlich, dass er dazu führt, das wir z. B. in Deutschland wenigstens Ansätze einer langfristig gesicherten Energiepolitik sehen. Ich kann nicht erkennen, dass hier langfristig gedacht wird. Das muss man aber tun, weil alle Entwicklungen für Energieformen oder Energieproduktionen, ob das nun die Alternativenergien sind oder Energieprozesse die die Grundlast bereitstellen, langfristig gesicherte politische Vorgaben brauchen. Und die sind zurzeit nicht erkennbar.

Frage 8:
Wie trägt das Alfred-Wegener-Institut dazu bei, auf Entscheidungsträger einzuwirken?

Miller Antwort hören (1:15):
Primär trägt das Alfred-Wegener-Institut dazu bei, in dem wir Daten für den IPCC–Bericht liefern. Und unsere Erkenntnisse finden natürlich Eingang in den IPCC–Prozess.Ich meine, vieles was dort aufgeschrieben ist oder aufgeschrieben wird, basiert auch auf Ergebnissen unserer Forschungsarbeit. Und natürlich können wir diese Ergebnisse auch bei uns in den politischen Prozess einspeisen. Das tun wir auch, und so ist es eben eine ständige Wechselbeziehung. Wir weisen auch immer wieder darauf hin, dass wir Forschung in den Polarregionen machen müssen, um eine wirklich globale Sicht der Klimadiskussion zu ermöglichen und die richtigen Prognosen machen zu können. Denn um richtige Prognosen machen zu können, müssen wir selbstverständlich auch die Prozesse, die das Klimasystem beeinflussen, sehr genau verstehen, damit wir Sie in den Modellen richtig abbilden können. Dazu leisten wir mit unserer Arbeit einen ganz erheblichen Beitrag.

Frage 9:
Was ist notwendig, um die bestehenden Klimamodelle zu verbessern?

Miller Antwort hören (0:47)
Die besten Modelle helfen nicht, wenn nicht gleichzeitig auch verlässliche Prognosen für  die Entwicklung der durch den Menschen  verursachten Veränderungen in der Umwelt existieren. Denn das, was das naturwissenschaftliche Modell ergibt, hängt davon ab, welche Daten eingespeist werden, also wie viel CO 2,wie viel Methan usw. das Klima beeinflussen werden.  Und dann kommt natürlich dazu, dass ja auch das natürliche Klimasystem ohne menschlichen Einfluss Schwankungen unterworfen ist. Und es ist ein komplizierter Prozess, menschliche und natürliche Einflüsse gegeneinander abzuwägen.

Frage 10:
Ist der Klimawandel überhaupt ein Problem? Die Menschheit ist in der Vergangenheit ja auch schon mit dem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten fertig geworden.

Miller Antwort hören (1:44):
Der Klimawandel ist natürlich ein Problem, und das war er für die Menschen immer. Die Menschen sind ja, wenn man das jetzt in geologischen Zeiträumen betrachtet, ganz jung - sagen wir mal 5 Mio. Jahre. Und so richtig entwickelt hat sich die weltweite Besiedlung in den letzten paar hunderttausend Jahren,  die Entwicklung der Kultur erst in den letzten zehntausend Jahren. Aber auch während der letzten Eiszeit, als es sehr viel kälter war, lebten Menschen in Mitteleuropa zwischen den großen Eisschilden Skandinaviens und den vergletscherten Alpen. Und sie lebten offenbar recht gut. Der Mensch ist anpassungsfähig. Wenn man in die Geschichte schaut, kann man auch ablesen, das vieles, was so passiert oder passiert ist, ursprünglich sicher durch klimatische Faktoren angetrieben wurde, Die Völkerwanderung beispielsweise. oOder die Besiedlung Grönlands durch die Wikinger, die nur möglich war, weil wir dort eine relativ warme Phase hatten, vielleicht vergleichbar der heutigen.  Im 13. Jahrhundert mussten die Wikinger Grönland wieder verlassen, weil es wieder kälter wurde. So gesehen hat das Klima also immer einen Einfluss auf die Menschen. Und die Menschen haben es auch immer geschafft,  damit umzugehen. Die große Schwierigkeit, die ich heute sehe, ist natürlich die, dass sehr viel mehr Menschen auf der Erde leben als früher. Klimaveränderungen, die es geben wird – ganz unabhängig von der Frage, wie stark sie vom Menschen oder durch natürliche Schwankungen verursacht sind - können regional dazu führen, dass es wieder solche Dinge wie Völkerwanderungen gibt. Und wenn die Menschendichte auf der Welt eben sehr groß ist, dann gehen Völkerwanderungen nicht mehr so einfach wie früher.