Sunday, 22. June 2008

Polarstern: Eisberg voraus

Autor: Henning Pulz

Freitag war ein traumhaft schöner Tag. Super Wetter und wahrscheinlich die schönste Naturlandschaft, die ich je gesehen habe. Jede Menge Eisberge. Für die Geodäten-Gruppe mussten wir relativ nahe an die Küste heranfahren, damit der Hubschrauber eine möglichst große Reichweite für die Inlandflüge besaß. Die Polarstern fuhr durch unverspurte Meereisfelder und immer wieder mussten wir ein Stück zurücksetzen, um das Eis rammend zu durchrechen. Ich erlebte den Großteil des Tages an Deck und bildersatt schlief ich an diesem Abend ein…

Den Samstag dagegen stocherten wir durch den Nebel. Zitate des wachhabenden Offiziers auf der Brücke, der sich redlich mühte die Fahrwasser im Meereis zu finden: „stell mal einer scharf, da draußen“ und „alle mal festhalten, ich hab die Ausfahrt verpasst…“

 

Wenn die Öffentlichkeit etwas übers Meer wissen will, sind die Biologen gefragt. Tiere geben immer ein nettes Bild. Meeresströmungen dagegen sind nicht leicht zu verstehen. Ich wage mich trotzdem daran.

Die Grönlandsee ist eine der wenigen Stellen auf der Erde, in denen kaltes, salzreiches Wasser in große Tiefen absinkt und so das Tiefenwasser im ganzen Weltozean erneuert. Einen solchen Vorgang gibt es weltweit nur an ganz wenigen Stellen. Messungen haben ergeben, dass die hydrographische Struktur der Grönlandsee sich in den letzten 20 Jahren stark verändert.

Das Werkzeug Nr. 1 des Ozeanographen lautet: „CTD“. „C“ steht für „conductivity“ (Leitfähigkeit), „T“ für „temperature“ (Temperatur) und „D“ für „pressure“. Manche sagen auch „D“ für „depth“ (Tiefe), obwohl das eigentlich gelogen ist. Gemessen wird nämlich der Wasserdruck, woraus dann die Tiefe berechnet werden kann. Anhand von diesen drei Charakteristika können Ozeanographen das Meerwasser durchschauen, Tiefenströmungen erkennen, unterschiedliche Schichten bestimmen und vieles andere. Die CTD ist den Ozeanographen, was den Archäologen die Schaufel ist.

Rund um die CTD-Sensoren befinden sich Wasserflaschen, die in unterschiedlichen Tiefen geschlossen werden können und so das Wasser an die Oberfläche bringen. Seit Freitag wird die sog. Rosette immer wieder zu Wasser gelassen. Das heißt die Polarstern fährt ein Stück, dann hält sie an und die Rosette wird in die Tiefe abgeseilt. Es gibt drei CTD-Schichten à zwei Personen. Ich bin für die Nachtschicht von 20.00 Uhr bis 4.00 Uhr morgens eingeteilt. Eine Tätigkeit in einer schönen, ruhigen, fast schon meditativen Atmosphäre der Mitternachtssonne. Der Blick aus dem Windenleitstand (der Steuerkabine der CTD) auf das Eis ist fantastisch.

 

Den Wiegeclub heute morgen habe ich verschlafen, da ich die Nacht über CTD-Schicht hatte. Dafür muss ich 50 Cent Strafe zahlen. Das Leben ist hart. Die Wiegeclub-Ergebnisse werden an Bord deutlich intensiver diskutiert als die Fußball-Ergebnisse. Die EM bekommen wir hier nur am Rande mit. Der einzige Radiosender, den wir an Bord empfangen, die deutsche Welle, berichtet nur ausschnittweise über die Spiele, so dass keine richtige Fußball-Stimmung aufkommt.

 

Da heute Sonntag und Bergfest, also Halbzeit meiner dreiwöchigen Reise ist, gibt es diesmal ausnahmsweise keine Quizfrage.

 

Herzliche Grüße vom Windenleitstand der Polarstern,

 

Henning Pulz

 

Fotos: Henning Pulz/Heidehof-Gymnasium Stuttgart


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